Adolf Reichwein

Adolf Reichwein, ein pädagogisches Vorbild

Adolf Reichwein (1898-1944) war ein Reformpädagoge, der in politischer Verantwortung seines Wirkens den Widerstand gegen das NS-Regime gewagt und sein Leben dafür geopfert hat.

Geprägt durch die Jugendbewegung des hessischen „Wandervogels“ meldet er sich 1916 als Kriegsfreiwilliger und wird ein Jahr darauf an der Westfront schwer verwundet. Das Kriegserlebnis macht ihn zu einem entschiedenen Kriegsgegner und lässt die Überzeugung in ihm wachsen, dass seine Generation verpflichtet sei, den menschenverachtenden Tendenzen in der modernen Industriegesellschaft entgegenzuwirken und sich für eine demokratische Entwicklung der politischen Verhältnisse in Deutschland einzusetzen.

Schon als Student der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte, Volkswirtschaft und Soziologie in Frankfurt a. M. und Marburg tritt er für die Überwindung der sozialen und kulturellen Klassengegensätze ein. Durch neue, kooperative Formen der Erwachsenenbildung, insbesondere durch „Arbeiter- und Studentenlager“, soll die junge Generation aus unterschiedlichen Sozialmilieus zusammenfinden und Perspektiven für eine humanere, demokratische Gesellschaft entwickeln.

Nach seiner Promotion zum Dr. phil. 1923 wirkt Reichwein führend in der thüringischen Volkshochschulbewegung mit und plädiert, vor allem angeregt durch seine Erfahrungen und Eindrücke auf Studienreisen und Exkursionen durch Nordamerika, Alaska und Mexiko, nach Japan und China oder Skandinavien und Südosteuropa für eine europäische und globale Verständigung zwischen den Nationen. Als persönlicher Referent des Kultusministers C. H. Becker beteiligt er sich 1929 an der Gründung der Pädagogischen Akademien für Volksschullehrer in Preußen und wird 1930 selbst als Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an die Pädagogische Akademie in Halle berufen. Zugleich arbeitet er publizistisch im Kreis der religiösen Sozialisten um Paul Tillich und Karl Mennicke mit.

Nach den Septemberwahlen 1930, bei denen die NSDAP erstmals durch breiten Zustrom bürgerlicher Wähler zu einer Massenbewegung anwächst, tritt Reichwein in die SPD ein.

Wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme 1933 wird er aus dem akademischen Lehramt in Halle entlassen und auf eigenen Wunsch als Dorfschullehrer an die einklassige Landschule im brandenburgischen Tiefensee versetzt. Hier entwickelt er sein reformpädagogisches Schulmodell, das ihn bald über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt macht, und schafft mit ihm eine Insel freiheitlicher Erziehung mitten im NS-Staat.

1939 wird Reichwein als Leiter der neugegründeten Abteilung „Museum und Schule“ an das Staatliche Museum für deutsche Volkskunde in Berlin berufen, wo er drei exemplarische Ausstellungen für und mit Berliner Schulen organisiert. Diese Position in der Hauptstadt und zahlreiche Vortragsreisen geben ihm die Möglichkeit, alte freundschaftliche Beziehungen zu Gegnern des NS-Regimes wieder aufzunehmen. Er schließt sich der Widerstandsgruppe um den Grafen Helmut James von Moltke an, dem sogenannten “Kreisauer Kreis“, in dem er vor allem als Kultur- und Bildungsexperte richtungweisend mitwirkt. Nach einem Treffen mit Vertretern des kommunistischen Widerstands wird er Anfang Juli 1944 verhaftet, am 20. Oktober des selben Jahres vom „Volksgerichtshof“ in Berlin unter Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt und noch am gleichen Tag gehängt.

Schon während der deutschen Teilung erhielten zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen in West- und Ostdeutschland den Namen Adolf Reichweins. Erst im vergangenen Jahrzehnt hat die Erziehungswissenschaft seine reformpädagogische Arbeit in vollem Umfang gewürdigt. Seitdem wird sein Name mit denjenigen anderer internationaler Pädagogen unseres Jahrhunderts, wie Maria Montessori, Anton S. Makarenko, Janos Korczak, Cèlestin Freinet und Peter Petersen genannt.


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